Zeitgeschehen im Kontext

Demos und Straßenkämpfe - Die wilden Siebziger

Warum diese Kolumne „Zeitgeschehen im Kontext“ auf der Homepage des Jugendzentrums? 

Die Jugendzentrumsbewegung war letztlich ein Kind der 68er Bewegung und eingebettet in die gesellschaftlichen Veränderungen in den 70gern. Ohne die Geschehnisse und Veränderungen in einer Republik, die einem rasanten Wandel unterworfen war, wäre auch das Jugendzentrum mit seinem Bestreben nach Autarkie nicht denkbar gewesen. Wir waren Teil dieser Entwicklung und der Antrieb waren vor allem die politischen und sozialen Geschehnisse in dieser Zeit. Wir waren stark politisiert und wussten, auf welcher Seite wir zu stehen hatten („If left is right and right is wrong – you better decide which side you’re on“ – Tom Robinson Band). Viele Jugendliche aus Neckargemünd beteiligten sich an Protesten – ob das die lokalen Kämpfe gegen die Tariferhöhungen bei der HSB (Heidelberger Straßenbahnen) waren oder die großen, bundesweiten Demos gegen die Stationierung von Atomraketen in der BRD oder die Proteste gegen Atomkraftwerke. Wir waren auf dem Laufenden und empfanden es als selbstverständlich Position zu beziehen, auch weil wir dachten, wir könnten die Welt noch verändern. Es gab damals ein starkes „Wir-Gefühl“ das uns antrieb, auch waren die Gegner noch sichtbar. Die politische Szene war, abgesehen von den „K – Gruppen“, noch überschaubar und relativ homogen. Gab es was zu demonstrieren, waren alle, die „fortschrittlich“ dachten, zur Stelle. In Heidelberg begannen 1969 die massiven Proteste gegen die Tariferhöhungen bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Es ging damals noch relativ harmlos zu, es wurde fangen mit Polizeimützen gespielt und wir setzten uns einfach auf die Schienen um die Bahnen zu blockieren. Die Polizei erschien relativ hilflos, auch gab es kaum Gewalt. Neben den Blockaden wurde eine sogenannte „Rote-Punkt“ Aktion ins Leben gerufen: Privatautos, die einen roten Punkt im Fenster hatten, fuhren die Haltestellen ab und hielten so den dieses Mal in der Tat „öffentlichen Nahverkehr“ am Leben. Das funktionierte dermaßen gut, dass Menschen aller Altersschichten dieses alternative Angebot annahmen. Somit wurde auch eine riesengroße Akzeptanz in der Bevölkerung erreicht. Am Tag der entscheidenden Gemeinderatssitzung drohten dann die Heidelberger Arbeiter aus den Betrieben auszuziehen und einen Schulterschluss mit Studenten und Schülern einzugehen. Unter diesem Druck mussten die Gemeinderäte nachgeben und die Tariferhöhung zurückziehen. Was für ein Erfolg! Die Würdenträger des Staates waren in die Knie gezwungen. In den Folgejahren wurden regelmäßig alle 2 Jahre die Preise angehoben, die Proteste waren wieder enorm mit bis zu 10.000 Teilnehmern in der Hauptstraße, aber die Staatsmacht hatte dazu gelernt: wie man den Bildern in unserer Galerie entnehmen kann schlug die Polizei mit brutaler Härte zu. Zum Einsatz kamen „Pepperfog“ und zum ersten Mal lange Holzknüppel, die weder vor Rentnern noch Unbeteiligten Halt machten. Auch kamen militär-ähnliche Panzerwagen mit Räumgittern zum Einsatz die alles wegräumten was sich ihnen in den Weg stellte. Das war Straßenkampf pur. Später dann die Räumung des besetzten und selbst verwalteten Studentenheims CA „Collegium Academicum“ in der Plöck, wo es ähnlich hart zur Sache ging.

Schließlich dann die großen Demos gegen die Stationierung von Atomraketen in Bonn, zu denen wir in Sonderzügen anreisten. Sie waren derart überfüllt, dass wir teilweise in den Gepäcknetzen liegen mussten. Über 100.000 Menschen kamen damals zusammen, eine solche Großdemonstration hatte Deutschland bis dato noch nicht erlebt. Das machte Hoffnung und gab uns Auftrieb, auch für unsere Arbeit im JZ, wo viele politische Veranstaltungen zu den Themen der Zeit durchgeführt wurden. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, auch wenn es heute schwer lesbar und daneben erscheint, ist das Positionspapier der damaligen „Rote Armee Fraktion“, das auf einer Veranstaltung der „Roten Hilfe“ im JZ auf der Toilette ausgelegt wurde. Heute ein Zeitdokument, das bereits in seiner sprachlichen Gestaltung abstößt und die menschenverachtende Ideologie der RAF zum Tragen bringt. Natürlich auch eine Unverschämtheit der Verantwortlichen uns gegenüber, denn die Gegner des JZ lauerten geradezu auf solche Gelegenheiten.

 Auch in Brokdorf auf der legendären Demo gegen das Atomkraftwerk waren wir und latschten dort nach einer chaotischen Nachtfahrt über den windigen Acker: wir hatten am Abend im „Kaiser“ den spontanen Beschluss gefasst, dahin zu fahren. Auf der Autobahn kurz vor Brokdorf gab es kein Weiterkommen: die Polizei hatte die Autobahn dicht gemacht, um zu verhindern, dass noch mehr Menschen zum Gelände gelangten. Betroffen waren allerdings nicht nur Demonstranten, sondern auch viele LKW Fahrer, die Termingeschäfte zu erledigen hatten und deshalb äußerst sauer waren, dass sie jetzt im Stau standen. Kurzerhand wurden mit Hilfe des Bordwerkzeugs die mittleren Leitplanken abgeschraubt und der Verkehr teilweise auf die Gegenspur umgeleitet und somit auch diese Spur blockiert. Das war äußerst lustig, nur die Polizei war nicht amused. So rückten mitten in der Nacht Kampfeinheiten mit Blaulicht an und versuchten, die Leute zum Weiterfahren zu zwingen: ein gespenstisches Szenario wie aus einem Science Fiction Film. Dennoch ein lustiges Katz- und Maus - Spiel mit der Polizei.

Auch ein paar regionale Demos gilt es zu erwähnen: es gab in Ketsch starke Proteste gegen die Neo-Nazis und NPD sowie eine Demo in Mosbach gegen das AKW Obrigheim, beides zu sehen in der Rubrik „Video&Audio“ auf dieser Seite. 

All das waren prägende Erlebnisse für die, die dabei waren. Haben wir etwas verändert? Es war zumindest Teil eines Prozesses, der Veränderungen angestoßen hat. Es hat vor allem aber bei Vielen unsere innere Haltung und unser Bewusstsein nachhaltig geprägt.