Video

Die können ja kicken

Überraschend für manch ehrenwerten Neckargemünder Bürger war, dass diese linke Truppe aus dem JZ mehr konnte als nur unmäßige politische Forderungen stellen, zu laut Musik hören und viel Bier trinken. Nein, die konnten auch kicken. Und gewinnen. Gerade in den Achtziger Jahren waren die „Oranje-Hemden“ bei den diversen Stadtmeisterschaften gefürchtete Gegner. Das Video entstand Ende der Siebziger Jahre. Wie der Film, war just dieses eine aufgenommene Spiel nicht eigentlich vorzeigbar. Kann bei allem Training mal vorkommen. 

Das Fernsehen ist da!

Rund um die Entscheidung des Neckargemünder Gemeinderats um den Umzug des Jugendzentrums in die Holzbaracke - und damit die Weiterexistenz – kam das Fernsehen. War nur der SWR, aber immerhin. Der forsche Redakteur zeigte erst einmal mit erhobenem Zeigefinger, wie schwer es für Rollis (Fake!, der ist doch nicht wirklich gehbehindert) war, in das Obergeschoss zu gelangen: nur mit Hilfe dreier kräftiger JZ-Besucher. Ein entlarvendes Zeitdokument: CDU-Stadträte stimmen für den Umzug des JZ in die Holzbaracke.

Dr. dent Spiro Spirali

Der AK Video bot manchem JZ-Gänger, die Gelegenheit, sich schauspielerisch auszuprobieren (klappte selten) und über die Filmgeschichte sich seinem späteren Berufsziel anzunähern (klappte in diesem Fall). Der junge Mann, der hier als Zahnarzt dilettiert, studierte später erfolgreich Medizin. Kaum zu glauben bei der überaus unprofessionellen Behandlung der ihm anvertrauten Patienten. Dass die Komparsen im Patientenstuhl am Ende tatsächlich tot waren, ist ein Gerücht.

Silvester 78 im JZ

Die Feten im JZ waren legendär, ob im alten Lederwerk oder in der Holzbaracke. Eng, laut, stickig, verraucht, einfach herrlich. Der mit Frohsinnsstrippen geschmückte Raum brachte die Stimmung zum Sieden. Immer gab es auch Programm: Das Nagelbrett an Silvester 78 war eine der schlechteren Ideen.

Ganz spießig wandern

Immer wieder sonntags nach langen JZ-Nächten brachte eine Wanderung Frische in Herz und Hirn des JZ-Menschen. Die Wege führten über Stock und Stein und nicht selten war schon nach kurzer Wanderzeit der Appetit wieder da, auf Bier und Vesper. Gut, dass man durch die komplexe Jugendzentrumsarbeit über einen hohen Organisationsgrad verfügte und entweder gleich Speis und Trank dabei hatte oder die Wanderroute zielsicher in einer Dorfschänke enden ließ.

So ein Theater…..

Das Video, das anlässlich der Premiere unseres Theaterstücks gedreht wurde, hält in Anbetracht seines Alters, der unzureichenden Beleuchtung sowie der Qualität der damaligen Videotechnik heutigen Ansprüchen in keiner Weise mehr stand. Dennoch bleibt es ein Zeitdokument und gibt etwas vom damaligen Zeitgeist wieder, der sich zum einen inhaltlich widerspiegelt und zum anderen zeigt, wie wir damals Dinge auf den Weg gebracht haben, die uns Spaß gemacht haben. Beim Betrachten des Videos – wir geben hier den Auftritt nur auszugsweise wieder – war ich immer mal wieder peinlich berührt ob unseres Diletantismus und einer gewissen Langatmigkeit (gähn….). Der Spannungsbogen war oft nicht vorhanden, eine Stringenz schwer zu erkennen. Aber es hatte Charme.

Und doch war es toll, das wieder anzusehen und in den Sog der Zeit zu geraten. Die Zuschauer hatten offenbar viel Spaß, einzelne besonders laute Lacher sind bestimmten Personen heute noch klar zuzuordnen. Viele Themen waren natürlich zeitbezogen, die Stücke waren alle selbst geschrieben und inszeniert, selbst die Lichtanlage haben wir eigenhändig gebaut. Auch die Plakate von „Maul & Motz“ – so nannten wir uns – haben wir entworfen, gedruckt und schließlich geklebt. Ein Do-It-Yourself-Unternehmen wie es im Buche steht.

Auch uns selbst und das JZ haben wir in einem Stück kräftig auf die Schippe genommen (Jugendausschuss, Frauenbewegung, Deutscher Kaiser….), der Wiedererkennungswert im Publikum war beträchtlich – das kam gut an. Denn eines waren wir sicherlich nicht: verbissen. Alles in allem war es ein wunderbarer Abend für uns (und ich glaube auch für das zahlreiche Publikum), auch wenn nicht alles wie am Schnürchen lief. Da wurde halt improvisiert.

Entstanden ist die Theatergruppe meiner Erinnerung nach aus einem gemeinsamen Geburtstagsfest von fünf damaligen Aktivisten, die nicht nur feiern, tanzen und trinken wollten, sondern auch selbst was bieten. Also wurde ein Sketch zum Besten gegeben und das hat einige derart ermuntert, dass sie die Theatergruppe gründeten. Mit unserer „Maul & Motz Theater – Revue“ sind wir dann noch für ein paar Termine mehr oder weniger erfolgreich auf „Tournee“ gegangen, danach haben wir uns dem Jugendtheaterstück „Alles Plastik“ gewidmet, für das wir ein Jahr intensiv geprobt haben. Es kam zweimal im ausverkauften großen Saal des JZ unter großem Beifall zur Aufführung – danach war Schluss. Warum? Die endlosen Proben hatten uns überfordert und die Luft war damit raus. Schade. Es war dennoch eine tolle Zeit.


Fred vom Jupiter


Der Film aus dem Jahr 1983– er blieb der Nachwelt leider nur als Fragment erhalten – erinnert in seiner Machart an den jungen, noch ungeschliffenen Christoph Schlingensief oder an die ersten Gehversuche von Lars von Trier mit der Handkamera: Leicht wackelig-unscharf, aber die ernste Botschaft ist deutlich: Selbstverwaltung in einem Jugendzentrum ist gar nicht so einfach. Die Laiendarsteller vermitteln das überzeugend. Dem Film blieb leider der große Erfolg verwehrt, leider, denn so bekam kein Mensch mit, dass 1983 tatsächlich drei Aliens vom Jupiter mit Wackelohren und weißer Gesichtsfront bei der Landung in Neckargemünd im JZ abstürzten und bei dem unvollendeten Filmprojekt unentgeltlich mit wirkten. (und nebenbei noch einen Hit landeten)

Ende und Abriss

Am 8. Mai 1987 wurde das Jugendzentrum Neckargemünd abgerissen. Illegal und brachial. Damit endete eine Zeit, die für viele Jugendliche prägend war: Man konnte sich ausprobieren, lernte stundenlang zu diskutieren, wurde politisch oder auch nicht, musste selbst gemeinsam mit anderen das organisieren, woran man Spaß hatte, konnte feiern, und stellte auch fest, dass erfolgreiche Selbstverwaltung harte Arbeit ist. Diese Art der Selbstfindung wurde mit Baggern abrupt beendet. Wobei man zugestehen muss: die Aufbruchstimmung der Frühzeit spürte man im Jugendzentrum Mitte der Achtziger Jahre nicht mehr. Dennoch kein Grund, den Laden abzureißen.