Newsletter No 6

Liebe Freunde des JZ und ehemalige Mitstreiter,

mit dieser Veröffentlichung haben wir das Ende der Fahnenstange – was unser Material anbelangt – erreicht. Wir präsentieren euch 4 Filme aus unserem Fundus, nach wie vor unerreicht in Sachen Qualität und Aussagekraft. Aber der Charme der Zeit kann ihnen dennoch nichts anhaben. Seht selbst. Des Weiteren stellen wir ein paar weitere Dokumente zum Thema des „Abriss“ ins Netz, da wir der Meinung sind, dass die zahlreichen Reaktionen in der Presse auf der Website bisher unterrepräsentiert waren. Der Abriss hat damals enorme Wellen geschlagen, was wir hiermit aufzeigen wollen.

Hier schließt sich auch die nochmalige Frage an euch da draußen nach Material an, das bei euch eventuell noch in miefigen Kisten und Fotoalben lagert. Solltet ihr noch über Material verfügen, das noch nicht veröffentlicht wurde, so fangt bitte an zu graben und meldet euch.

Upside down

Weg ohne Pfade

Infostand

Zeltlager und altes JZ

Wie geht es mit der Webseite weiter? 

Darüber sind wir uns einig: sie soll unter allen Umständen erhalten bleiben und – wenn nötig – auch aktualisiert werden. Dazu benötigen wir natürlich Finanzmittel, aktuell reicht unser Budget noch für dieses Jahr. Also: Spendierhosen anziehen!

P.S. danke den großzügigen Spendern, allen voran Klaus und Gerhard.

Ein besonderes Schmankerl haben wir noch: ein alter Tatort aus dem Jahr 1975 (gesendet 1976) wurde von uns der Vergangenheit entrissen: er spielt in unserer Region, zu sehen sind Neckargemünd (altes Lederwerk, der Ritter) und verschiedene Orte in Heidelberg. Waren das noch Zeiten: Schlaghosen, Telefone mit Wählscheibe, Benzin unter 1 Mark (!), HB Zigaretten, freier Autoverkehr über die alte Brücke und, und, und….Ermittler sind Kommissar Lutz und sein schwäbelnder Assistent Wagner, allgemein wird hier viel geschwäbelt und viel Cognac getrunken! Muss so das Modegetränk damals gewesen sein. Etwas bieder das Ganze, aber eben Zeitcolorit! Leider können wir den Link hier nicht reinstellen, da die Rechte noch beim SWR liegen. Ein paar Ausschnitte zeigen wir euch trotzdem.

0:00
0:00

Tatort Ritter

0:00
0:00

Tatort Lederwerk


Erst kürzlich hatten wir ein Gespräch mit dem neuen Jugendbeauftragten der Stadt Neckargemünd: nachdem wir über die damalige Zeit berichtet hatten, erfuhren wir, wie es um die Jugendarbeit Neckargemünds bestellt ist. Da ist regelrecht tote Hose, es gibt noch nicht einmal ein Papier, geschweige denn ein Konzept zum Thema Jugend. Das erinnert fatal an die Anfangszeit des JZ in den 70ern, da war es genau so. Nun soll der neue Referent von Neuem beginnen. In der alten Villa Menzer soll zunächst ein Raum geschaffen werden, der aber nur an manchen Tagen geöffnet ist. Langfristig wird dann wohl das alte E Werk renoviert und zum neuen Jugendzentrum werden. Schaun wir mal……

Zum Schluss noch ein Buchtipp: 

Erst kürzlich beim DRAUPADI Verlag erschienen ist: „Wege zum Paradies“ von Volker von Offenberg. Dieses Buch beleuchtet die Aufbruchszeit in Heidelberg zwischen 1968 und 1978. Das Buch vermittelt einen wunderbaren Einblick in die damalige Zeit zwischen Politik, Kunst, Musik und alternativem Leben in Heidelberg. Durchaus spannend geschrieben, lernen wir das Staunen über die Radikalität der Studenten- und Schülerbewegung, den Aufbruch, der sich in vielen gesellschaftlichen Entwicklungen abzeichnete und den Mut der damaligen Protagonisten. Eine kleine Zeitreise! Und ohne das alles hätte es ein JZ auch nicht gegeben….


Es schließt sich erneut die Frage an: Was bleibt?

Wir hatten damals im JZ ein enormes Lernfeld auf einer großen Spielwiese, wir lernten für etwas zu kämpfen und nicht nur gegen etwas. Wir lernten zu diskutieren und uns für etwas einzusetzen. Und wir konnten unseren Vorstellungen des miteinander Lebens Inhalte geben und uns verwirklichen. Diese Freiräume gibt es heute nicht mehr und das ist für die nachwachsenden Generationen ein großer Verlust. Die politische Gesamtsituation war relativ klar: wir hatten die Blockbildung Ost/West, die Einordnungen fielen leichter und auch wir wussten, wo der Feind steht. Heute ist das ungleich komplizierter: wir haben einen Irren im amerikanischen Präsidentenamt, der alles, was an bisherigen Werten galt, in Frage stellt und einen Tek-Faschismus aufbaut. Der grenzenlose Kapitalismus stellt die Lebensbedingungen vieler Menschen immer mehr vor große Probleme während der Klimawandel unsere Erde immer weiter zerstört. Die Schere zwischen arm und reich weitet sich immer mehr, die Demokratie ist dadurch in Gefahr, was zahlreiche Despoten und die es werden wollen zu neuen Schandtaten antreibt. Ein „Roll back“ hat große Teile des gesellschaftlichen und politischen Lebens erfasst. Ist die Welt irre geworden? Ja, der Eindruck ist nicht mehr von der Hand zu weisen. Was können wir tun?

Wie schon vor 50 Jahren müssen wir einen aufrechten Gang bewahren, uns wieder einmischen in die gesellschaftlichen Debatten, klare Stellung in der Öffentlichkeit beziehen und uns nicht in unserer kleinen Vorgartenwelt verstecken. Haltung zeigen, wieder aufstehen und gegenhalten. Wir sind zu lange still gewesen, korrumpiert von Konsum und Wohlstand und schlafen den Schlaf des Gerechten. Günter Eich hat mal geschrieben: „Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht“. 

Wir hatten damals einen großen, inneren Zusammenhalt und das hat uns stark gemacht – trotz vieler Irrungen und Wirrungen. Heute bröckelt der Zusammenhalt in der Gesellschaft immer mehr und die Vereinzelung nimmt zu. Jeder starrt scheinbar paralysiert in sein Handy und nimmt seine Umwelt nicht mehr war, eine vernünftige Kommunikation wird in Zeiten der assozialen Medien immer schwieriger. Das alles klingt nach Dystopie und wäre vor 50 Jahren in der Literatur auch als solche behandelt worden. Heute ist es Realität. Und die Zukunft war früher auch besser (Karl Valentin). Besinnen wir uns auf unsere Stärken!