Konzerte

Wie die Kultur nach Neckargemünd kam


Kann sich irgendjemand von den Älteren noch erinnern, wie es Anfang der 70ger um das Kulturleben von Neckargemünd bestellt war? Meiner Erinnerung nach war das Brachland. Gut, es gab das örtliche Kino, aber das kam selten über Winnetou und Old Shatterhand bzw. lächerliche Sexfilmchen hinaus. Für das eine waren wir bald zu alt, für das andere noch zu jung. Und sonst? Ja, da war der alljährliche Bohrermarkt, aber das konnte man schlecht mit Kultur in Verbindung bringen. Dann gab es noch die sogenannten Hortensientage, wo das ganze Städtchen mit eben diesen Blumen geschmückt wurde und ein Umzug durch die Stadt stattfand. Der Höhepunkt war ein Fallschirm-Zielspringen in den Neckar, bei dem das gesamte Neckarufer mit Besuchern gefüllt war. Aber Kultur? Da musste man lange suchen oder weiter nach Heidelberg fahren. Speziell für die Jugend war da praktisch nichts. In der Stadthalle fanden hin und wieder Rockkonzerte statt, viele von Release, einer Antidrogen-Organisation in Heidelberg, organisiert. Hier spielten Bands wie Nektar, Man, Guru Guru, If, Can und andere zu zivilen Preisen. Die größeren Konzerte fanden entweder in Mannheim oder Ludwigshafen statt, waren entweder zu teuer oder zu weit um sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Darüber hinaus gab es höchstens noch die etablierte Kultur, Theater, klassische Konzerte oder Opern. Für uns war das nichts. Und so endete das Kulturangebot für Jugendliche recht schnell. Verglichen mit heute glich das einer strengen Rationierung wie es unsere Eltern mit den Dingen des Alltags nach dem Krieg erlebten. Damit wollten wir uns nicht abfinden. Die Devise hieß: Kultur muss in die Provinz. Hier waren gerade im musikalischen Bereich die provinziellen Städte mit Jugend- und Kultureinrichtungen Vorreiter. Lange bevor angehende Rockstars wie Black Sabbath und andere die großen Hallen in den Städten bespielten, zogen sie über die süddeutsche Provinz.

Mit der Existenz der Jugendzentren wurde in dieser Hinsicht ein entscheidender Schritt vollzogen. Die Bands fanden zahlreiche Auftrittsmöglichkeiten vor und die Besucher konnten ihrer Musik zu anständigen Preisen lauschen. Selbstorganisation war das Thema der Zeit. In Neckargemünd fand unser erstes Konzert 1973 im Hof des alten Lederwerks statt. Das „Pfeilhalde-Rock-Orchester“ begeisterte in der Atmosphäre der Fabrikruine, die mit Fackeln illuminiert wurde. Doch die Räumlichkeiten waren begrenzt. Das alte JZ bot höchstens ca. 100 Leuten Platz und da wurde es schon eng. Entgegen kam uns die Mitte der 70 ger explodierende Folkszene, die mit wenig Equipment und Platz auskam. Die Gagen waren zudem bezahlbar und oft auch verhandelbar. In der intimen und familiären Atmosphäre des alten JZ erlebten wir tolle Konzerte, viele bekannte Musiker wie Tom Cat, Sammy Vomacka, Martin Herberg, Eva Vargas oder Les Brown hatten hier ihre Gastspiele. Ein Höhepunkt war das im Martin-Luther-Haus stattfindende Konzert mit Hein & Oss und Zupfgeigenhansel, die damals wohl die bekanntesten Folker in Deutschland waren. Der Saal war natürlich brechend voll. Bis auf die größeren Konzerte waren das oft Plus/Minus Null-Geschäfte, die Haupteinnahmequelle waren die Getränke. Das Ganze funktionierte nur, da viele Jugendliche in Selbstorganisation mithalfen. Das fing mit dem Selbst-Drucken der Plakate an, das Plakatieren wurde von einzelnen Trupps übernommen, Auf- und Abbau, Getränkeverkauf und vieles mehr verlangte uns viel ab. Aber es lohnte sich. Die Konzerte fanden öfter in externen Räumen wie dem Martin-Luther-Haus oder dem Gymnasium statt, denn im Jugendzentrum war der Platz sehr begrenzt. Dort fanden eher die kleinen Konzerte, Filmvorführungen, Theaterveranstaltungen und Diskussionsrunden statt. Die größeren Konzerte wurden von Bands abgedeckt, die meist aus dem Umkreis HD/MA/LU stammten. „Zyma“, eine Combo aus Heidelberg, spielte in einer tollen Atmosphäre im Martin-Luther-Haus (Dieter hatte alle Kerzen aus Mutter’s Laden organisiert und den Raum in Kerzenlicht getaucht). „Zauberfinger“  eine “Allstar-Band” mit Hans Reffert, Wolfi Ziegler, Rolf Schaude und der großartigen Lise Kraus war ebenso einer der Höhepunkte. Später folgten dann „Sanfte Liebe“, eine Band mit viel Potential, die damals als ein Hoffnungsträger der Region galt (Mitschnitt eines Konzertes hier unter Audio&Video). Unvergessen auch „Komazu Baumaschinen GmbH“, die einer der häufigsten Gäste im JZ waren und mit einer damals ungewöhnlichen Besetzung mit 2 Saxophonen, 2 Bässen, 2 Drummern und einem Gitarristen aufwarteten (ein paar Stücke in bescheidener Qualität ebenso unter Audio&Video). Erinnerungswürdig natürlich das Konzert zum 7 jährigen Bestehen des JZ im Gymnasium und dem Headliner „Ax Genrich“ mit ca. 1.000 Besuchern. 

Der lokale Rahmen wurde gesprengt, als die Holzbaracke unser neues Domizil wurde. Hier konnten wir dann auch größere Konzerte veranstalten, die auch viele auswärtige Besucher anlockten. Im Laufe der Zeit hatten wir uns einen Namen in der Region erspielt, es traten Bands wie Surfin Dead, La Danza Moderna aus Italien, The StrangemenEmbryo mit dem großen Namen Charlie MarianoDer Moderne Mann, Bernie’s Autobahn Band, die Schwoba-Rocker Schwoißfuaß und viele weitere auf. Daneben gab es natürlich auch Theater und Kabarett. Eine kleine Sensation war damals der nicht öffentlich angekündigte Auftritt der 3 Tornados, der Speerspitze des Anarcho-Kabaretts in Deutschland. 

In der kleinen Auswahl der hier zu besichtigen Monatsprogramme[1]  lässt sich auch die Vielfalt des Angebots ablesen. Häufig gab es  Veranstaltungen zu politischen Themen mit Diskussionsrunden, hier waren auch Politiker wie Gerd Weisskirchen (Mitglied des Bundestages) und der Landwirtschaftsminister Gerhard Weiser zu Gast. Themen, die uns damals alle bewegten, waren Gegenstand der Betrachtung (Anti-Atomkraft, Friedensbewegung, Umwelt (!), RAF, Berufsverbote, Hausbesetzungen und vieles mehr. Besonders erwähnenswert der Diavortrag eines Dänen, Jacob Holt, der ein Jahr durch Amerika reiste und dort bei Superreichen sowie den Ärmsten wohnte (Buchveröffentlichung: „Reise nach Amerika“ – auch 50 Jahre später noch brisant und sehr lesenswert). 

Einen besonderen Auftritt muss man noch erwähnen – er zeigt auch die Bandbreite des Angebots auf – der absolut ungewöhnlich war: Jörg Burkhardt aus Heidelberg, vormals Buchhändler und Autor („Der Ultrakurzwellenmann“) trat mit seine gesammelten Tönen auf. Auf fünf „Elite“ Kassettenrekordern und einem selbst gebastelten Mischpult mixte er Tapes mit Alltagsgeräuschen, Radioschnipseln, Fernsehkommentaren aus einem Aktenkoffer gezielt und spontan und erschuf so eine Klangwelt wie wir sie vorher noch nicht gehört hatten. Den gesamten Raum hatte er bereits am Nachmittag in stundenlanger Arbeit mit kleinen Lautsprechern verkabelt. Das musste man natürlich aushalten können und nicht alle Besucher waren dem gewachsen. Wer sich aber hingab, dem erschloss sich eine Klangcollage unglaublichen Ausmaßes. Sensationell! Ablesbar daran war, dass für alle Geschmäcker etwas geboten wurde, was nie gleichbedeutend war sich an Trends anzuwanzen. Der Anspruch war, die Besucher auf Entdeckertour zu schicken, Horizonte zu öffnen und Erlebnisse zu vermitteln. Und in der Gemeinschaft Spaß zu haben. Denn der durfte nie zu kurz kommen. 

Wäre die Umstrukturierung des alten JZ in ein Kulturzentrum Realität geworden, hätte etwas durchaus Großes entstehen können, denn das Potential hatten wir. Doch das wusste ein Gerne-Groß zu verhindern.


Zum Nachhören:

Es wurde damals tatsächlich viel gelauscht und nur zum teil "abgehottet", dieser Ausdruck war in den 70ern noch garnicht geläufig