Dokumente Lederwerk

Zum Verständnis

Wer sich die Mühe macht und in den alten Flugblättern, Infos und Zeitungen blättert, der wird feststellen, dass wir während der Existenz des Jugendzentrums immer wieder und ausdauernd in Kämpfen mit der Stadtverwaltung und den Parteien verstrickt waren. Wir wussten, was wir wollten, denn das Prinzip der Selbstverwaltung ohne Einmischung von außen war uns heilig (siehe auch Text zur Selbstverwaltung und Presseartikel RNZ: “ Jugend will Selbstständigkeit”)). Die Gegenseite – hier vor allem CDU, FWV und zeitweise Bürgermeister und Stadtverwaltung trauten uns nicht über den Weg, sicherlich auch befeuert durch den zeitweisen Einfluss der K-Gruppen - hier der Kommunistische Bund Westdeutschland (KBW), die die Sache mit ihren agitatorischen Parolen nicht leichter machten. Die Zeit Anfang der 70er war, ausgelöst durch die 68er Studentenbewegung, insgesamt politisch sehr aufgeladen: die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse erreichten die Provinz. Dabei ging die Initiative zur Errichtung eines Jugendzentrums von der Stadt aus und sah zu Beginn sogar den Neubau eines Jugendzentrums vor (siehe auch RNZ: “Jugend will Selbstständigkeit”). Wie an anderer Stelle schon beschrieben („Die Selbstverwaltung“) ging deren Initiative schnell in die Hose und eine Aktionseinheit unabhängig von städtischen Institutionen  wurde gegründet. Sie bestand aus dem Klub 70, einer Jugendorganisation der evangelischen Kirche, den Jungsozialisten und der Projektgruppe, einer Schülerorganisation am Gymnasium, die dem KBW nahe stand (siehe hier das Flugblatt unter Dokus Lederwerk: „Gründung Aktionseinheit JZ“). Die von der Stadt gestartete Umfrage erschien uns zu konsumorientiert, unser Anspruch war ein anderer: Wir wollten „eine Möglichkeit zur Organisierung der politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Arbeit und Raum für positive (!) Unterhaltungsmöglichkeiten bieten“. Hier war dann natürlich der erste Konflikt angelegt, aber die Stadt hatte die Büchse der Pandora schon geöffnet. Wir hatten zu dieser Zeit noch keine eigenen Räumlichkeiten, die Stadt stellte uns für Treffen „den Konferenzsaal der Turnhalle an der Grund- und Hauptschule“ zur Verfügung, eine Räumlichkeit, in der auch Turngeräte und Matten untergebracht waren – also eher ein Abstellraum. Nach einer weiteren Zwischenstation in der späteren Gehörlosenschule in der Weststadt erhielten wir schließlich eigene Räumlichkeiten im alten Lederwerk. In der unteren Etage standen uns 2 Räume mit einem Durchbruch zur Verfügung, der damals sogenannten „Teestube“ (hier wurde alles, aber nur wenig Tee getrunken) sowie eine Toilette. Das war alles, nur kein Jugendzentrum nach unseren Vorstellungen. Aber der Spatz in der Hand war schon mal was. Für einen Betrieb, der ein größeres Spektrum an Angeboten vorsah, waren diese Räume aber definitiv zu klein. Im Oktober 1975 zogen wir nach längeren Renovierungsarbeiten schließlich in die obere Etage um, sie bot lichte Räumlichkeiten, mehr Platz und einen Raum für kleinere Veranstaltungen (siehe Flugblatt „Eröffnung Lederwerk“). Interessant ist auch das Infoblatt zur Bürgermeisterwahl 1974, wo wir klar Stellung bezogen (Lärmbelästigungen von Familien, die damals noch im selben Haus wohnten, „Zensur“ der Stadtverwaltung und Stellungnahme des Bürgermeisters und „Volksvertreters“, den wir kurzerhand in Anführungszeichen setzten). Wir trauten uns was! Gleichzeitig informierten wir immer wieder die Neckargemünder Bevölkerung („Informationsblatt No 5“) über den Stand der Geschehnisse, um für einen größeren Rückhalt zu sorgen. Die Kämpfe rissen nicht ab, nach dem Verkauf des Lederwerks an die Stadt stand unsere Existenz erneut auf dem Prüfstand: das gesamte Lederwerksgelände verfiel zusehends, die Räumlichkeiten waren in einem miserablen Zustand („Rattenloch“) durch Wasserrohrbrüche und ähnlichem, zudem platzten wir am Wochenende oft aus allen Nähten. So wurden bald die Forderungen nach neuen Räumlichkeiten laut, die Holzbaracke geriet ins Visier (Infoblatt „Vor der Entscheidung“ und RNZ-Artikel: “Jugendzentrum hofft auf Umzug”). Und wieder wurde eine Aktionseinheit gegründet, dieses Mal mit dem „Saftladen“, einer Schülergruppe aus dem Reha und Schülern aus dem Gymnasium Neckargemünd (Flugblatt 11 “das JZ muss bleiben”). Auch wurden in der Folge die Töne gemäßigter, ein Verein gegründet, Gespräche mit Bürgermeister und Gemeinderäten geführt und Kooperationsbereitschaft signalisiert. In der entscheidenden Gemeinderatssitzung wurden dann jedoch wieder die üblichen, hetzerischen Argumente von Leuten wie den Stadträten Treibel und Hieke hervorgekramt (siehe auch„Pamphlet Gemeinderatssitzung“und RNZ-Artikel: “SPD verließ unter Protest den Saal”), die den Vorurteilen in der Bevölkerung Vorschub leisteten. Wie diese Hetze aussah, kann man wunderbar im Flugblatt „Offener Brief JA (Jugendausschuss)“ nachlesen, spöttisch kommentiert von unserer Seite. Dass es zu einer weiteren Abstimmung kam, die dann zu unseren Gunsten ausfiel und warum Stadtrat Treibel nicht ging, wir ihn aber dennoch zu Fall brachten, ist eine andere Geschichte (siehe auch „Die Treibel-Affaire“).